Exkursion ins Vorarlberg

„Die allerersten Gäste waren Schweizer“
Ähnliche Sprache, verschiedene Rahmenbedingungen: Ein Besuch bei Familie Meusburger im Bregenzerwald zeigt, dass der Agrotourismus im Vorarlberg gegenüber der Ostschweiz Vorteile hat.

Von Eveline Dudda

„Ja, die Tiere“, sagt Barbara Meusburger während sie ihren Hofhund tätschelt, „die sind ganz wichtig.“ Sonja Fritsche nickt: „Deshalb brauchen die Kinder bei uns auch keinen Spielplatz, sondern höchstens einen Trettraktor.“ Beide Frauen lachen, sie verstehen sich auf Anhieb. Schliesslich sind beide Bäuerinnen, bieten beide Agrotourismus an und leisten beide damit einen wichtigen Beitrag zum Betriebseinkommen. Bei Meusburgers sind das rund 40 Prozent, bei Fritsches schätzungsweise 4 Prozent. Und dass sich beide als Gastgeberinnen engagieren, merkt man dem Gespräch sofort an. Dabei liegt zwischen den beiden Frauen eine Landesgrenze: Während Barbara Meusburger mit ihrer Familie im österreichischen Egg lebt, liegt Sonja Fritsches Lebensmittelpunkt im St. Galler Rheintal, in Montlingen. Auch wenn die Sprache ähnlich ist, so sind die Rahmenbedingungen in den beiden Ländern doch verschieden. Das merkt man bereits an der Betriebsgrösse: Obwohl Meusburgers Betrieb mit 15 Hektar grösser ist als der Vorarlberger Durchschnitt scheinen 12 Milchkühe, 12 Jungtiere und 50 Schafe wenig im Vergleich zu Fritsches Hof, wo auf 35 Hektar alles in allem rund 90 Tiere gehalten werden (24 Milchkühe mit Nachzucht, 20 Mutterkühe mit ihren Kälbern, 4 Esel). Dafür gibt es dort keine steilen Hänge wie im Vorarlberg, wo die Kühe den Sommer im „Vorsäss“ verbringen und das Jungvieh auf die Alp gebracht wird. Fritsches Milch wird als Industriemilch gehandelt, während Meusburgers in einer Siloverbotszone wirtschaften und die regionale Käserei beliefern.

Natur vor der Haustür nutzen
Das Ferienangebot der beiden Frauen wird jedoch nicht von der Grösse, sondern vor allem von der Lage des Hofs geprägt: Meusburgers Hof liegt mitten in der Tourismusregion Bregenzerwald – Fritsches Hof im touristisch weniger umworbenen Rheintal. Meusburgers zahlen Kurtaxe und können ihren Gästen dafür im Sommer die „Bregenzerwaldkarte“ überreichen, sobald sie mindestens drei Nächte bleiben. Damit ist der Eintritt in sämtliche Bäder der Region und die Benutzung der öffentlichen Busse und Bergbahnen gratis. Fritsches zahlen keine Kurtaxe, müssen dafür jedoch ihre Werbung selbst finanzieren: „Wenn man ein paar Inserate schaltet und sich da und dort ein wenig präsentiert sind tausend Franken schnell weg.“ Beide Frauen nutzen die natürliche Umgebung: Bei Fritsches ist es der träge dahinfliessende Binnenkanal, auf dem sie Schlauchbootfahrten anbieten. Meusburgers haben dafür Berge vor der Haustüre, die Barbara Meusburger für Wander- und Naturerlebnisse mit ihren Gästen nutzt.

Bäuerinnen werden zu Animateurinnen
„Ach, das würde mich auch interessieren“, sagte Sonja Fritsche spontan, als sie von den verschiedenen Lehrgängen für Seminarbäuerinnen, für Alp- und Naturführer, für Kräuterpädagoginnen, Wellnessanbieter und vieles mehr in Österreich hört. Diese Angebote gehören zur Förderung des ländlichen Raums und werden mit EU-Geldern massiv unterstützt. Barbara Meusburger hat sich zum Beispiel in rund 160 Stunden, verteilt über zwei Jahre, zur Natur-, Wander- und Alpführerin ausbilden lassen. „Das war sehr interessant und hat mir viel gebracht“, sagt sie, „auch für mich selbst.“ Noch heute schwärmt sie davon, wie ein Kursleiter ihnen so viele Gräser, Blumen und Heilpflanzen näher brachte, dass sie den ganzen Tag mit dem Entdecken weniger Quadratmeter Fläche beschäftigt waren. Auch bei ihren Gästen schärft Barbara Meusburger die Wahrnehmung für die Natur: „Ich mache sie zum Beispiel auf einen besonders gewachsenen Baum aufmerksam, auf den Duft einer Pflanze oder zeige ihnen seltene Blumen.“ Wenn sie geführte Touren anbietet, kann sie ihre Leidenschaft fürs Wandern in idealer Weise mit der Wissensübermittlung kombinieren.

Filzpantoffeln statt Frühstück
Nicht nur das Ausbildungsangebot unterscheidet die Situation in den beiden Ländern, sondern auch die Raumplanung. Barbara Meusburger hat ihren Gästen neben einer Ferienwohnung auch ein separates Ferienhaus anzubieten. „Wir hatten schon Gäste, die sagten, sie kommen extra hierher, um endlich einmal richtig Platz zu haben“, sagt Barbara Meusburger lachend, als sie merkt, wie Sonja Fritsche die grosszügige Bauweise bestaunt. Dann relativiert sie: „Ein zweites Ferienhaus könnten wir vermutlich nicht mehr bauen.“ Ans Bauen denkt Sonja Fritsche gar nicht erst: „Bei uns ist es schon fast unmöglich einen überdachten Grillplatz genehmigt zu bekommen.“ Auf dem Steigmatthof bietet sie deshalb „Schlaf im Stroh“ an - ein Angebot, das man in Österreich übrigens nicht hat. Zusätzlich versucht Sonja Fritsche die Wertschöpfung über die Verwendung von hofeigenen Produkten zu steigern, die sie zum Frühstück, bei Picknicks oder Grillanlässen serviert. Das ist wiederum etwas, was sich Barbara Meusburger nicht recht vorstellen kann: „Warten bis die Gäste endlich frühstücken? Da würde ich wohl ganz kribbelig werden.“ Dabei fehlt es der Bäuerin nicht an der Geduld. Doch die setzt sie lieber für kreative Tätigkeiten ein, wie das Filzen oder Basteln von Kräuterkissen. Sie hat für diesen Zwecke extra einen Werkraum eingerichtet, in dem sie die Wolle der eigenen Schafe mit den Gästen zu „Patschen“ (Pantoffeln), Filz-Schmuck, Schlüsselanhängern und vielem mehr verarbeitet – der Kreativität sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt. Und wenn wir schon bei den Grenzen sind: Hüben wie drüber kommen sowohl einheimische, als auch ausländische Gäste. Doch während Fritsches noch nie Österreicher zu Gast hatten, sind Schweizer Gäste bei Meusburgers keine Seltenheit. Auch die allerersten Gäste stammten damals, vor 20 Jahren, aus der Schweiz: „Das waren Vroni und Ernst Gasser aus Bern. Vielleicht kann ich sie auf diesem Weg ganz herzlich grüssen!“ Sie kann – und die Redaktion grüsst gleich mit.


Kasten I

Gesundheits-, Seminar- oder Reiterbauernhöfe
(ed) "Urlaub am Bauernhof" ist ein Verein mit österreichweit 3400 bäuerlichen Familienbetrieben. Das Schweizer Pendant ist der Verein „Ferien auf dem Bauernhof“ mit rund 250 Mitgliedern, darüber hinaus gibt es hierzulande den Verein „Schlaf im Stroh“ mit über 200 Anbietern. Nach wie vor nutzen vor allem Familien das Ferienangebot auf dem Bauernhof. In Österreich gibt es auch Themenangebote wie Bio-; Gesundheits-, Wein- und Kräuterbauernhöfe oder Kinder-, Reiter-, Radlerbauernhöfe und sogar barrierefreie Bauernhöfe, die sich speziell für Behinderte eignen. Ferienangebote wie „Urlaub auf der Alm“ oder auf Seminarbauernhöfen ergänzen das Spektrum zusätzlich.

Kasten II

Blumen statt Sterne
(ed) Die Mitglieder vom österreichischen Verein Urlaub am Bauernhof werden von einer Kommission regelmässig geprüft. Dabei wird der Bauernhof, die Ausstattung und der Service des Ferienangebots nach 150 verschiedenen Qualitätskriterien beurteilt und schliesslich der Betrieb mit zwei bis vier Margeriten klassifiziert: Ein Drei-Margeriten-Bauernhof entspricht etwa einem Drei-Sterne-Hotel. Vier Margeriten (wie bei Famlie Meusburger) kennzeichnen ein ausgezeichnetes Angebote mit komfortabler Ausstattung und gediegener Einrichtung.

Links:

Österreich:
Familie Meusburger:
www.kreativ-urlaub.at
www.urlaubambauernhof.at

Schweiz:
Familie Fritsche:
www.steigmatt.ch
www.schlaf-im-stroh.ch
www.bauernhof-ferien.ch

siehe auch „Landwirtschaft im Ländle“ im LID-Mediendienst Nr. 2792 vom 27. Oktober 2006